Eigene Popmusik und eine Liebe zur Volksmusik – Musik in Rumänien
Rumänien ist eines der wenigen Länder Europas, in denen Volksmusik nicht museal geworden ist – sie läuft im Radio, auf Hochzeiten und in den Charts.
Wer rumänisches Radio hört, bemerkt schnell etwas Ungewöhnliches: Zwischen internationaler Popmusik laufen Stücke, die klar in einer Volksmusiktradition stehen – nicht als Folklorestunde zu einer Nebenzeit, sondern im normalen Programm.
Eine Tradition, die eine Aufgabe hat
Der Hauptgrund für diese Lebendigkeit ist unspektakulär: Die Musik hat ihre soziale Funktion behalten. Hochzeiten, Taufen und Dorffeste sind Anlässe, bei denen live gespielt wird, und zwar von Musikern, die davon leben. Eine Tradition, die gebraucht wird, muss nicht bewahrt werden.
Damit verbunden ist ein zweiter Punkt: Die Weitergabe läuft weiterhin überwiegend mündlich und über das Mitspielen, nicht über Noten und Institutionen. Das hält das Repertoire beweglich – Stücke verändern sich, neue kommen dazu, und die Grenze zwischen Überliefertem und Neuem ist unscharf.
Der Klang und woher er kommt
Drei Eigenheiten prägen den Klang stärker als alles andere.
Die Panflöte, im Rumänischen nai, ist international zum Erkennungszeichen geworden, im Land selbst aber nur eines von mehreren Soloinstrumenten. Ihr charakteristischer Ton entsteht durch das Anblasen über die Kante und die Möglichkeit, durch Neigen der Flöte die Tonhöhe zu beugen – was die typischen Gleitbewegungen erlaubt.
Das Cimbalom, ein großes Hackbrett mit Dämpferpedal, übernimmt gleichzeitig Begleitung und Verzierung. Es füllt den Raum zwischen Melodie und Bass auf eine Weise, für die es in der westeuropäischen Besetzung keine Entsprechung gibt.
Und die siebenbürgische Bratsche mit flachem Steg und drei Saiten erzeugt harte, dreiklangförmige Akzente statt gestrichener Flächen – sie ist eher ein rhythmisches als ein melodisches Instrument.
Dazu kommen Taktarten, die im westlichen Pop selten sind: asymmetrische Muster, die sich in Gruppen von zwei und drei Schlägen gliedern und beim Mitzählen sperrig wirken, beim Tanzen aber unmittelbar einleuchten.
Die Popszene daneben
Parallel dazu ist seit den 2000er Jahren eine eigenständige Popproduktion entstanden, die international wahrgenommen wurde – zunächst über Dance- und House-Produktionen, später breiter. Bemerkenswert daran ist weniger der Erfolg einzelner Titel als die Infrastruktur dahinter: Studios, Produzenten und Songwriter, die im Land arbeiten statt abzuwandern.
Die Berührung zwischen beiden Welten ist dabei häufiger, als man erwarten würde. Popproduktionen greifen Melodiefloskeln, Instrumente und rhythmische Muster der Volksmusik auf, und umgekehrt haben Volksmusikensembles Produktionsmittel übernommen. Was in anderen Ländern als Fusion vermarktet würde, ist hier eher der Normalfall.
Die Regionen klingen verschieden
Von außen wird rumänische Volksmusik als eine Sache gehört; im Land ist sie deutlich nach Regionen gegliedert, und die Unterschiede sind größer als die Gemeinsamkeiten.
In Siebenbürgen dominiert die Streicherbesetzung mit der dreisaitigen Bratsche und einem harten, akzentuierten Begleitrhythmus. In der Moldau haben Bläser mehr Gewicht, und die Melodien sind beweglicher. In der Walachei stehen Panflöte und Cimbalom im Vordergrund, und das Tempo ist im Schnitt höher. Im Banat ist der Einfluss der Nachbarregionen am stärksten hörbar, bis hin zu Besetzungen mit Klarinette und Blechbläsern.
Wer Aufnahmen sammelt, merkt das schnell an den Beschriftungen: Die Herkunftsregion steht fast immer dabei, und sie ist für den Klang aussagekräftiger als das Erscheinungsjahr.
Die Rolle der Hochzeitskapelle
Die wirtschaftliche Grundlage der lebenden Tradition ist die Hochzeitskapelle. Eine solche Formation spielt über viele Stunden, muss ein Repertoire von mehreren hundert Stücken abrufbar haben und zwischen Tanzformen wechseln können, ohne zu proben. Das erzeugt eine Spielpraxis, die sich stark von der eines Ensembles unterscheidet, das Konzertprogramme einstudiert.
Zwei Folgen daraus sind hörbar: Die Musiker spielen auswendig und reagieren aufeinander statt auf eine Vorlage, und Verzierungen werden im Moment erfunden statt festgelegt. Zwei Aufnahmen desselben Stücks derselben Kapelle unterscheiden sich deshalb erheblich – was das Sammeln von Aufnahmen interessanter macht als bei notierter Musik.
Was davon zum Anhören lohnt
Für den Einstieg eignen sich Aufnahmen von Dorfkapellen besser als aufwendig produzierte Studioalben, weil sie die Besetzung und das Zusammenspiel zeigen, um das es eigentlich geht. Die großen Archivaufnahmen aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts sind dabei klanglich begrenzt, aber dokumentarisch wertvoll – und sie zeigen, wie wenig sich am Kern geändert hat.
Wer solche Aufnahmen auf Schallplatte besitzt, hat oft Pressungen aus staatlicher Produktion vor 1990 in der Hand. Sie sind klanglich uneinheitlich und teilweise stark abgenutzt, aber es gibt sie in dieser Form nirgends wieder – ein Fall, in dem das Digitalisieren weniger eine Bequemlichkeit ist als eine Sicherung.
Ein Teil dieser Aufnahmen ist nie digital erschienen und steht nur auf Platte. Wer eine solche Pressung besitzt, findet den Ablauf in der Anleitung zum Schallplatten digitalisieren.
Häufige Fragen
Welche Instrumente prägen die rumänische Volksmusik?
Die Panflöte (nai), die Geige, das Cimbalom – ein gestrichenes Hackbrett –, der Kontrabass und das Akkordeon. In der Region Moldau kommen Bläser dazu, in Siebenbürgen prägt die dreisaitige Bratsche mit flachem Steg den charakteristischen Begleitklang.
Warum ist rumänische Volksmusik so lebendig geblieben?
Vor allem, weil sie ihre gesellschaftliche Funktion behalten hat: Sie wird auf Hochzeiten, Taufen und Dorffesten gespielt, also bei Anlässen, die weiterhin stattfinden. Musik, die eine Aufgabe hat, überlebt anders als Musik, die nur bewahrt wird.
Wo findet man Aufnahmen rumänischer Volksmusik?
Die Bestände der staatlichen Rundfunkarchive und des Instituts für Ethnographie und Folklore sind die umfangreichsten Quellen. Für den privaten Einstieg sind Wiederveröffentlichungen älterer Aufnahmen auf CD leichter erreichbar als Originalpressungen, die außerhalb Rumäniens selten angeboten werden.
Warum klingt die Musik von Region zu Region so verschieden?
Weil die Besetzungen verschieden sind und nicht die Melodien. Im Banat trägt die Klarinette, in Moldau die Geige mit dem Cimbalom darunter, in der Muntenia die Panflöte – dieselbe Hochzeit klingt zweihundert Kilometer weiter wie ein anderes Genre.