Entspannungstipps für Musiker – was nach dem Üben tatsächlich hilft
Die meisten Ratschläge zur Entspannung sind für Menschen gedacht, die den ganzen Tag sitzen. Instrumentalisten haben ein anderes Problem: Sie sitzen konzentriert und halten dabei eine feste Haltung.
Die üblichen Empfehlungen zur Entspannung setzen bei einem Problem an, das Instrumentalisten nicht haben. Wer acht Stunden am Schreibtisch sitzt, leidet an Bewegungsmangel und einer nachlässigen Haltung. Wer vier Stunden übt, hält eine präzise, aktiv gehaltene Position – und das ist etwas anderes.
Warum Halten anstrengender ist als Bewegen
Muskulatur, die eine Position stabilisiert, arbeitet dauerhaft ohne Wechsel zwischen Anspannung und Entlastung. Genau dieser Wechsel ist es aber, der die Durchblutung antreibt. Bei gleichmäßiger Haltearbeit bleibt die Versorgung hinter dem Verbrauch zurück, und die Ermüdung setzt früher ein als bei deutlich größerer, aber bewegter Belastung.
Für Geige und Bratsche betrifft das Schultergürtel und Nacken links, für Blechbläser Nacken und Atemmuskulatur, für Pianisten Schultern und Unterarme, für Gitarristen die linke Hand und die rechte Schulter. Die Beschwerden treten deshalb auffallend seitenbetont auf – und ein Entspannungsprogramm, das beide Seiten gleich behandelt, geht am Problem vorbei.
Die Reihenfolge, die sich bewährt hat
Nach dem Üben in dieser Reihenfolge vorzugehen, wirkt zuverlässiger als eine beliebige Auswahl einzelner Übungen.
Erstens: Position verlassen, bevor irgendetwas anderes passiert. Instrument weglegen, aufstehen, zwei Minuten gehen. Das klingt banal und ist der wirksamste Einzelschritt, weil es die Haltearbeit beendet, bevor die Muskulatur weiter verhärtet.
Zweitens: die beanspruchte Seite lösen, nicht beide. Bei Streichern die linke Schulter, bei Bläsern der Nacken, bei Pianisten die Unterarme. Langsame, große Kreise ohne Kraft, zehn bis fünfzehn Wiederholungen. Es geht nicht um Dehnung, sondern um Bewegung durch den vollen Bewegungsumfang.
Drittens: die Gegenbewegung. Fast jede Spielhaltung zieht nach vorn – Schultern nach innen, Brustkorb geschlossen. Die Gegenbewegung ist Öffnen: Arme seitlich, Brustbein nach vorn, dreißig Sekunden halten und dabei ruhig weiteratmen. Zweimal reicht.
Viertens: die Hände. Fingerstreckung gegen leichten Widerstand, Handgelenke in beide Richtungen, jeweils ohne Schmerz und ohne Federn. Danach die Unterarme ausschütteln.
Fünftens: liegen. Fünf Minuten flach auf dem Rücken, Beine angewinkelt, Knie hoch. Das entlastet die Lendenwirbelsäule vollständig und ist bei Blasinstrumenten zusätzlich sinnvoll, weil die Bauchatmung in dieser Position von selbst einsetzt.
ÜBUNGSBLOCK 25 MIN · PAUSE 5 MIN · IM STEHEN
3 STUNDEN · 6 PAUSEN
Atmung: die Übung, die jeder kennt und kaum jemand richtig macht
Der verbreitetste Fehler ist, tief einzuatmen. Für Entspannung zählt die Ausatmung. Der Parasympathikus – der Teil des Nervensystems, der herunterfährt – wird über die Verlängerung der Ausatmung angesprochen, nicht über das Volumen der Einatmung.
Praktisch: vier Zählzeiten ein, sechs bis acht aus, ohne zu pressen, etwa zwei Minuten. Wer bläst oder singt, kennt die Mechanik ohnehin, wendet sie aber meist nur als Technik an und nicht als Entlastung. Der Unterschied ist die Absicht: Beim Spielen wird die Ausatmung gesteuert, hier soll sie nur lang sein.
Eine Einschränkung gehört dazu: Wer zu Hyperventilation oder Schwindel neigt, sollte die Zählzeit kürzer ansetzen und im Sitzen bleiben.
Der Kopf nach dem Auftritt
Das schwierigere Problem ist selten der Körper. Nach einem Konzert steht das Nervensystem unter einer Anspannung, die nicht auf Kommando endet, und der übliche Versuch – direkt nach Hause und ins Bett – funktioniert bei den meisten nicht.
Zwei Dinge helfen zuverlässiger. Erstens eine Übergangsphase von etwa einer Stunde mit etwas Unspektakulärem: der Weg zu Fuß, essen, Instrument einpacken, aufräumen. Zweitens keine Aufzeichnung am selben Abend anhören. Die Selbstbewertung direkt nach dem Auftritt ist regelmäßig unzuverlässig, und die dabei entstehende Gedankenschleife ist genau das, was den Schlaf kostet.
Wer regelmäßig spielt, sollte zusätzlich auf den Koffeinzeitpunkt achten. Ein Espresso um neunzehn Uhr vor einem Auftritt um zwanzig Uhr wirkt bei den meisten Menschen bis nach Mitternacht nach – die Halbwertszeit liegt bei etwa fünf Stunden.
Der Arbeitsplatz bringt mehr als jede Übung
Der Punkt, der in Ratgebern regelmäßig zu kurz kommt: Eine halbe Stunde Entspannungsübungen kann vier Stunden an einem schlechten Platz nicht ausgleichen. Drei Dinge entscheiden mehr als jedes Programm.
Die Sitzhöhe. Oberschenkel waagerecht oder minimal abfallend, Füße flach auf dem Boden. Zu niedrig sitzen erzwingt einen Rundrücken, zu hoch hängen die Füße und der Beckenboden verliert die Abstützung. Bei Streichern und Bläsern ist eine leicht nach vorn geneigte Sitzfläche günstiger als eine waagerechte.
Die Notenhöhe. Das Pult gehört so hoch, dass der Blick fast waagerecht geht. Jeder Zentimeter zu tief wird über Wochen zu einer nach vorn geneigten Kopfhaltung, und der Kopf wiegt vier bis fünf Kilogramm – bei fünfzehn Grad Neigung wirkt am Nacken das Mehrfache davon.
Die Erholungsfläche. Ein Platz zum Liegen oder Halbliegen im Übungsraum verändert das Pausenverhalten stärker als jeder Vorsatz, weil Pausen dann tatsächlich stattfinden. Wer den Raum verlassen muss, um sich hinzulegen, macht es nicht.
Für diese Fläche eignet sich eine formbare Sitzgelegenheit besser als ein Sessel, weil sie die Haltung nicht vorgibt, sondern sich an die gerade entlastende Position anpasst – ein Überblick über die verschiedenen Bauformen und Füllungen findet sich hier. Wichtig ist weniger das Modell als die Größe: zu kleine Modelle zwingen in eine gebeugte Haltung und machen das Gegenteil von dem, wofür sie gedacht sind.
Die Übungseinheit selbst ist die wirksamste Stellschraube
Was vor der Entspannung passiert, entscheidet, wie viel Entspannung überhaupt nötig ist. Drei Punkte im Aufbau des Übens wirken stärker als jede nachgelagerte Maßnahme.
Kurze Blöcke statt langer Strecken. Fünfundzwanzig bis dreißig Minuten, dann fünf Minuten aufstehen. Wer stattdessen zwei Stunden am Stück arbeitet und danach eine halbe Stunde pausiert, hat dieselbe Gesamtzeit und ein deutlich schlechteres Ergebnis – sowohl für die Muskulatur als auch für das Behalten. Die Konsolidierung im Gedächtnis läuft in den Pausen, nicht während der Wiederholung.
Das Schwierigste nach vorn. Die Passage, die technisch am meisten fordert, gehört in die zweite Viertelstunde: aufgewärmt, aber noch nicht ermüdet. Wer sie ans Ende legt, übt sie in genau dem Zustand, in dem sich Fehlbewegungen am leichtesten festsetzen.
Langsam üben ist Entlastung, nicht nur Methode. Die Kraft, die ein Finger für denselben Ton braucht, hängt kaum vom Tempo ab, die Zahl der Wiederholungen pro Minute dagegen sehr. Eine halbe Stunde im halben Tempo ist für die Sehnen ein anderer Vorgang als eine halbe Stunde im Zieltempo – bei gleichem Lerneffekt oder besserem.
Schlaf ist kein Entspannungstipp, sondern die Grundlage
Der unbequeme Teil: Alle Übungen zusammen wirken weniger als zwei Stunden mehr Schlaf. Die Erholung der Sehnen und die motorische Konsolidierung finden überwiegend im Schlaf statt, und beides ist bei chronischem Defizit messbar eingeschränkt.
Für Berufsmusiker ist das eine strukturelle Schwierigkeit, weil die Arbeitszeit spätabends liegt. Was dabei hilft, ist weniger Disziplin als Konsequenz in einem einzigen Punkt: die Aufstehzeit konstant halten, auch nach einem späten Konzert. Ein verschobener Einschlafzeitpunkt lässt sich ausgleichen, ein täglich wechselnder Aufstehzeitpunkt nicht – er verhindert, dass sich überhaupt ein Rhythmus bildet.
Zwei praktische Punkte dazu: Alkohol nach dem Auftritt verkürzt die Einschlafzeit und verschlechtert die zweite Nachthälfte deutlich, was sich am nächsten Übungstag an der Feinmotorik zeigt. Und ein kurzer Mittagsschlaf von zwanzig Minuten ist bei diesem Arbeitsrhythmus kein Luxus, sondern die einzige Ausgleichsmöglichkeit, die den Nachtschlaf nicht stört – ab etwa vierzig Minuten kippt das.
Für die einzelnen Instrumentengruppen
Streicher. Der Schwerpunkt liegt links: Schulter, Nacken, Daumensattelgelenk. Die Schulterstütze ist dabei keine Komfortfrage, sondern die wichtigste Einzelentscheidung – zu hoch eingestellt erzwingt sie eine seitliche Kopfneigung, die über Jahre wirkt. Gegenspielertraining für die hintere Schultermuskulatur ist hier besonders wirksam.
Blechbläser. Nacken, Kiefer und Atemmuskulatur. Nach langen Proben lohnt ein bewusstes Lösen der Kaumuskulatur, weil die Ansatzspannung dort mitläuft und sich unbemerkt hält. Dehnübungen für den Brustkorb wirken zusätzlich auf die Atemtiefe.
Holzbläser. Ähnlich, dazu die rechte Hand beziehungsweise der rechte Daumen bei der Oboe und der Klarinette, der das Instrumentengewicht trägt. Ein Daumenhalter oder ein Tragegurt entlastet mehr als jede Übung danach.
Pianisten. Schultern, Unterarme, Handgelenke. Der häufigste Fehler ist die Sitzhöhe in Verbindung mit dem Abstand zur Klaviatur: zu nah erzwingt angewinkelte Arme und einen Dauerzug im Trapezmuskel.
Gitarristen und Bassisten. Linke Hand und rechte Schulter, im Stehen zusätzlich die Lendenwirbelsäule. Die Gurtlänge verändert die Handgelenkstellung links erheblich – wer im Sitzen übt und im Stehen spielt, arbeitet faktisch in zwei verschiedenen Haltungen.
Schlagzeuger. Unterarme und Handgelenke beidseitig, dazu die Hüfte durch die Pedalarbeit. Hier ist die Sitzhöhe relativ zur Fußmaschine der entscheidende Punkt, und zwar mehr als bei jeder anderen Gruppe.
Wärme, Kälte und was wann richtig ist
Die Faustregel ist kurz: Kälte bei einer frischen Reizung, Wärme bei einer alten Verspannung. Eine Sehnenscheide, die nach einer langen Probe brennt oder geschwollen ist, gehört gekühlt, zehn bis fünfzehn Minuten, nicht direkt auf der Haut. Ein Nacken, der seit Wochen hart ist und nicht schmerzt, wird durch Wärme besser durchblutet und lockerer. Wer das vertauscht, verstärkt beides.
Was nicht hilft
Wärme auf einen akut gereizten Sehnenansatz. Bei einer frischen Reizung ist Kühlung richtig, Wärme erst bei chronischer Verspannung ohne Entzündungszeichen.
Kraftraining der bereits überlasteten Muskulatur. Wer schon zu viel Haltearbeit leistet, braucht keine zusätzliche. Sinnvoll ist Training der Gegenspieler – bei Instrumentalisten fast immer die hintere Schultermuskulatur.
Massage als Dauerlösung. Sie löst zuverlässig und ändert an der Ursache nichts. Wenn dieselbe Stelle nach jeder Behandlung binnen einer Woche zurückkommt, liegt das Problem in der Haltung oder im Aufbau des Übens, nicht in der Muskulatur.
Durchspielen mit Schmerz. Schmerz beim Spielen ist kein Trainingsreiz. Anhaltende Beschwerden in Hand, Unterarm oder Schulter gehören abgeklärt, und zwar früh – die Erfahrung in dieser Berufsgruppe ist, dass zu spät fast immer teurer wird als zu früh.
Realistisch eingeordnet
Keine dieser Übungen ersetzt eine Behandlung, und keine macht ein zu hohes Übungspensum unschädlich. Was sie leisten, ist die Verkürzung der Erholungszeit zwischen den Einheiten – und genau das entscheidet über Wochen, ob sich Belastung aufbaut oder abbaut. Zehn Minuten nach jeder Übungseinheit, konsequent, wirken dabei zuverlässiger als eine Stunde am Wochenende.
Häufige Fragen
Wie lange sollte eine Pause beim Üben sein?
Fünf Minuten nach jeweils fünfundzwanzig bis dreißig Minuten Spielzeit, und zwar aufstehend. Eine Pause im Sitzen mit dem Telefon in der Hand ändert an der Haltung nichts – der Nacken bleibt in derselben Position, nur das Instrument fehlt.
Helfen Dehnübungen vor dem Spielen oder danach?
Danach, und vorher nur sehr leicht. Statisches Dehnen unmittelbar vor dem Spielen senkt kurzzeitig die Feinkontrolle der Muskulatur – für Feinmotorik ist das genau die falsche Voraussetzung. Vor dem Spielen reicht Aufwärmen durch langsames Spielen selbst.
Was hilft gegen das Gedankenkreisen nach einem Auftritt?
Am zuverlässigsten wirkt, nicht direkt ins Bett zu gehen. Der Körper braucht nach der Anspannung eine Übergangsphase, und wer sie überspringt, liegt wach. Eine Stunde mit etwas Unspektakulärem – ein Weg zu Fuß, essen, aufräumen – verkürzt die Nacht messbar weniger als das Gefühl, sofort schlafen zu müssen.
Hilft Sport zusätzlich, oder belastet er nur weiter?
Er hilft, wenn er die Gegenspieler trainiert statt die ohnehin beanspruchte Muskulatur. Für die meisten Instrumentalisten heißt das: hintere Schultermuskulatur und Rumpf, nicht Unterarm und Griffkraft. Ausdauersport in moderatem Umfang wirkt zusätzlich auf Schlaf und Erholung.