Mark of Take That – warum die 90er zurück sind und was davon bleibt
Jede Dekade kehrt etwa dreißig Jahre nach ihrem Ende zurück. Das ist keine Laune des Geschmacks, sondern ein ziemlich verlässlicher Takt – und er hat Gründe, die wenig mit Musik zu tun haben.
Dass die Neunziger zurück sind, lässt sich an Konzertkalendern, Werbung und Kleiderständern ablesen. Interessanter als die Feststellung ist die Frage, warum das so regelmäßig passiert – und was davon eine Marktbewegung ist und was ein echter Generationswechsel.
Der Dreißig-Jahre-Takt
Der Abstand zwischen einer Dekade und ihrem Revival ist bemerkenswert stabil. Die Fünfziger kamen in den Achtzigern zurück, die Siebziger in den Nullerjahren, die Achtziger um 2015. Zwei voneinander unabhängige Mechanismen treiben das an, und sie greifen gleichzeitig.
Der erste ist Kaufkraft. Wer eine Dekade als Vierzehnjähriger erlebt hat, ist dreißig Jahre später Mitte vierzig – also in der Lebensphase mit dem höchsten verfügbaren Einkommen und einer hohen Bereitschaft, für ein Konzertticket zu zahlen, das an die eigene Jugend anschließt. Diese Gruppe ist für Veranstalter die verlässlichste, die es gibt.
Der zweite ist Distanz. Für eine Zwanzigjährige sind die Neunziger weit genug weg, um nicht peinlich zu wirken. Musik, Mode und Bildsprache durchlaufen regelmäßig eine Phase, in der sie nicht alt genug sind, um interessant zu sein, und zu alt, um aktuell zu sein – etwa zwischen zehn und zwanzig Jahren nach ihrer Zeit. Danach kippt es.
Wenn beide Effekte zusammentreffen, entsteht ein Publikum aus zwei Generationen mit unterschiedlichen Motiven, und genau das trägt eine Tour.
DEKADE UND IHR REVIVAL
- 1950er1980er
- 1970er2000er
- 1980er2015
- 1990erheute
ABSTAND JEWEILS RUND 30 JAHRE
Was an Take That untypisch ist
Die meisten Boyband-Reunions folgen einem engen Muster: Katalog spielen, Nostalgie bedienen, zwei Jahre laufen, aufhören. Take That fällt aus diesem Muster heraus, und die Gründe sind nachvollziehbar.
Erstens hat die Band nach ihrer Rückkehr neues Material veröffentlicht statt nur den Bestand zu verwalten. Das ist kommerziell riskanter und verlängert die Tragfähigkeit erheblich, weil es der Gruppe eine Gegenwart gibt und nicht nur eine Vergangenheit.
Zweitens hat sie den Besetzungswechsel überstanden. Reunions scheitern überdurchschnittlich oft daran, dass sie ohne eine prägende Stimme antreten und das Publikum die Lücke hört. Eine Verkleinerung, die offen gehandhabt wird, funktioniert besser als eine Ersatzbesetzung.
Drittens haben die Mitglieder in der Zwischenzeit eigene Arbeit gemacht. Mark Owens Soloalben waren kommerziell nie groß, aber sie haben etwas geleistet, das sich später auszahlte: Sie haben ihn als Musiker hörbar gemacht und nicht nur als Mitglied einer Formation. Wer aus einer Boygroup kommt und danach nichts tut, kehrt als Erinnerungsstück zurück; wer weiterarbeitet, kehrt als Musiker zurück.
Was die Musik der Neunziger technisch prägte
Ein Teil des Wiedererkennungswerts liegt nicht in den Melodien, sondern in der Produktion, und das ist der Punkt, an dem das Thema hier anschließt.
Die Neunziger waren das Jahrzehnt, in dem die digitale Produktion allgemein verfügbar wurde und gleichzeitig noch hörbar war. Frühe Sampler hatten begrenzten Speicher, was zu kurzen, wiederholten Schnipseln führte; Hallgeräte der Zeit hatten einen charakteristischen, leicht metallischen Klang; und die Lautheitsentwicklung im Mastering begann, aber war noch nicht an ihrem Extrem. Eine Produktion von 1994 klingt anders als eine von 2004, und zwar aus Gründen, die sich benennen lassen.
Das erklärt auch, warum Wiederveröffentlichungen aus dieser Zeit so oft als Remaster erscheinen. Die ursprünglichen Mischungen wurden für Abspielwege gemacht, die es so nicht mehr gibt – Radio mit starker Kompression, CD-Spieler, Kassettenautoradios. Ein Remaster passt den Pegelverlauf an heutige Wiedergabe an, und ob das ein Gewinn ist, hängt davon ab, wie behutsam es gemacht wurde.
Für Sammler ist die Unterscheidung praktisch relevant: Die Erstpressung auf Vinyl und das Remaster von 2020 sind nicht dieselbe Aufnahme, auch wenn dieselben Titel draufstehen. Wer eine Sammlung digitalisiert, sollte notieren, welche Ausgabe vorlag – es ist die Angabe, die später am häufigsten fehlt.
Warum gerade Boygroups so zuverlässig wiederkehren
Unter allen Formaten der Neunziger haben die Boygroups die höchste Revival-Quote, und das hat weniger mit musikalischer Qualität zu tun als mit der Art, wie ihr Publikum entstanden ist.
Wer eine Band mit dreizehn oder vierzehn zum ersten Mal hört, verknüpft sie mit einer Lebensphase, in der Musik identitätsbildend wirkt. Diese Verknüpfung ist deutlich stabiler als das spätere, nüchternere Hören mit Mitte zwanzig. Boygroups haben ihr Publikum fast ausschließlich in genau diesem Alter erreicht – und damit eine Bindung erzeugt, die dreißig Jahre hält, auch bei Menschen, die die Musik heute nicht mehr verteidigen würden.
Dazu kommt ein Kohorteneffekt: Das Publikum ist eng in einem Jahrgangsband konzentriert statt über zwanzig Jahrgänge verteilt. Für eine Tour ist das ideal, weil die gesamte Zielgruppe gleichzeitig in derselben Lebenslage ist – dieselben Kinder im selben Alter, dieselbe Zahlungsfähigkeit, dieselbe Verfügbarkeit an einem Samstagabend.
Die Ökonomie hinter dem Revival
Drei Entwicklungen haben die Wiederkehr älterer Kataloge in den letzten Jahren stark verbilligt.
Streaming macht Kataloge auffindbar. Ein Album, das auf CD im Regal steht, wird gehört, wenn jemand es sucht. Dasselbe Album in einem Streamingkatalog wird von Empfehlungssystemen an Hörer ausgespielt, die die Band nie gesucht haben. Das verändert die Wiedereinstiegskosten grundlegend.
Kataloghandel. Rechte an älteren Werken werden seit einigen Jahren in großem Umfang gehandelt, was einen kommerziellen Anreiz schafft, Kataloge aktiv zu bewirtschaften statt sie liegen zu lassen – Neuauflagen, Jubiläumsausgaben, Synchronisationen in Serien und Werbung.
Die Serienlandschaft. Ein einzelner Einsatz in einer viel gesehenen Serie kann ein dreißig Jahre altes Stück binnen Wochen in die Charts zurückbringen. Das ist kein neues Phänomen, aber die Reichweite eines einzelnen Platzierungserfolgs ist heute deutlich größer.
Was die Neunziger von den Achtzigern unterscheidet
Revivals werden gern in einen Topf geworfen, aber die beiden Dekaden kehren unterschiedlich zurück, und der Unterschied sagt etwas über die Mechanik aus.
Das Achtziger-Revival war vor allem optisch und klanglich zitierbar: Synthesizerflächen, Gated Reverb auf der Snare, Neonfarben. Es ließ sich in neue Produktionen einbauen, ohne die ursprünglichen Stücke zu spielen – ein ganzes Genre hat in den 2010er Jahren davon gelebt.
Das Neunziger-Revival läuft anders. Es ist stärker an konkrete Stücke und konkrete Gruppen gebunden als an einen Sound, den man nachbauen kann. Das liegt daran, dass die Neunziger musikalisch heterogen waren: Britpop, Eurodance, Grunge, HipHop und die Boygroups fanden gleichzeitig statt und haben klanglich wenig gemeinsam. Es gibt keinen einzelnen Neunziger-Klang, den man zitieren könnte – also kehren stattdessen die Originale zurück.
Für die betroffenen Gruppen ist das kommerziell günstiger. Ein Sound-Revival nützt vor allem neuen Künstlern, die ihn aufgreifen; ein Katalog-Revival nützt denen, die den Katalog besitzen.
Der Zweitkarriere-Effekt
Auffällig an den erfolgreichen Rückkehrern ist, dass sie fast nie direkt aus der Pause kommen. Zwischen dem Ende der ersten Phase und der Rückkehr liegt in den meisten Fällen eine Zeit, in der die Beteiligten etwas anderes gemacht haben – Produktion für andere, Soloarbeit, Fernsehen, Schauspiel, manchmal auch einen gänzlich anderen Beruf.
Das hat zwei Wirkungen. Erstens sind die Erwartungen niedriger, was fast jede Rückkehr besser aussehen lässt, als sie gemessen ist. Zweitens – und wichtiger – haben die Beteiligten in dieser Zeit gelernt, wie die Branche funktioniert, ohne im Zentrum zu stehen. Reunions, die von Leuten betrieben werden, die den Betrieb kennen, sind erkennbar besser organisiert als solche, die von außen angestoßen werden.
Wer das Muster kennt, kann Ankündigungen besser einschätzen. Eine Rückkehr, bei der die Beteiligten seit Jahren nichts gemacht haben und die von einem Veranstalter angekündigt wird, ist eine andere Sache als eine, die aus einer laufenden Arbeit heraus entsteht.
Was von einem Revival übrig bleibt
Die nüchterne Antwort: meistens der Katalog, selten das neue Material. Die Wiederveröffentlichung alter Alben, die Aufnahme in Playlists und die Verfügbarkeit auf Vinyl überdauern die Tour um Jahre. Neue Stücke aus der Reunion-Phase verschwinden dagegen in der Regel schnell wieder, auch bei erfolgreichen Rückkehrern.
Das klingt ernüchternd und ist es nur halb. Für die Beteiligten ist der Katalog das, was Geld bringt, und die Tour ist das, was ihn wieder sichtbar macht. Neues Material erfüllt dabei eine Funktion, die nichts mit seinen eigenen Verkaufszahlen zu tun hat: Es rechtfertigt die Gegenwart der Gruppe und verhindert, dass die Rückkehr ausschließlich als Nostalgieveranstaltung gelesen wird.
Für Hörer, die aus dieser Zeit etwas aufbewahren wollen, ist die praktische Folge einfach. Die Ausgabe, die im Regal steht, ist nicht selbstverständlich die, die in zehn Jahren noch verfügbar sein wird – Lizenzen laufen aus, Kataloge wechseln den Eigentümer, und Streamingverfügbarkeit ist kein dauerhafter Zustand. Was man besitzt, besitzt man; was gestreamt wird, ist geliehen.
Woran eine Reunion scheitert
Aus der Beobachtung vieler Fälle lassen sich drei wiederkehrende Fehler benennen.
Zu große Hallen zu früh. Eine Tour, die in Arenen startet und schlecht verkauft, erzeugt Bilder, die den Rest der Tour beschädigen. Klein anfangen und aufstocken funktioniert zuverlässiger, ist aber schwerer zu verkaufen.
Nur der Katalog. Ein Abend aus ausschließlich alten Stücken funktioniert einmal. Beim zweiten Mal ist die Nachfrage deutlich kleiner, weil der Anlass – einmal wieder hören – erledigt ist.
Die falsche Erzählung. Reunions, die als Rückkehr zur Form beworben werden und offensichtlich keine sind, werden schlechter aufgenommen als solche, die offen sagen, worum es geht. Das Publikum weiß, dass es um Erinnerung geht, und es stört sich nicht daran – es stört sich daran, wenn etwas anderes behauptet wird.
Nostalgie als Reisebewegung
Ein Nebeneffekt, der sich in den letzten Jahren verstärkt hat: Die Wiederkehr der Neunziger ist nicht nur musikalisch, sondern erfasst die ganze Art, wie diese Zeit gelebt wurde. Der Bulli, mit dem man damals zum Festival fuhr, ist selbst zum Objekt geworden – wer heute Bulli gefahren ist, tut das meist aus denselben Gründen, aus denen er ein Konzert einer Band seiner Jugend besucht.
Dass beides zusammenfällt, ist kein Zufall. Revivals erfassen selten nur ein Medium; sie erfassen eine Lebensform, und die Musik ist der Teil davon, der sich am leichtesten wieder abspielen lässt.
Wer die Platten aus dieser Zeit noch im Regal stehen hat, findet den Weg vom Vinyl in eine Datei in der Anleitung zum Schallplatten digitalisieren.
Häufige Fragen
Warum kommen die 90er gerade jetzt zurück?
Der übliche Abstand zwischen einer Dekade und ihrem Revival liegt bei etwa fünfundzwanzig bis dreißig Jahren. Dann ist die Generation, die sie als Jugendliche erlebt hat, im kaufkräftigsten Alter, und gleichzeitig ist die Musik für eine jüngere Generation weit genug weg, um neu zu wirken. Beide Effekte treffen bei den Neunzigern derzeit zusammen.
Woran erkennt man eine Reunion, die trägt?
An drei Dingen: ob neues Material dabei ist oder nur der Katalog gespielt wird, ob die Besetzung im Kern stimmt, und ob die Tour in Hallen passt, die zur realistischen Nachfrage passen. Reunions, die in zu großen Hallen starten, brechen häufiger ab als solche, die klein anfangen und aufstocken.
Was hat das Revival mit Streaming zu tun?
Sehr viel. Ein Katalog, der auf Streamingdiensten verfügbar und gut verschlagwortet ist, wird von Empfehlungssystemen an Hörer ausgespielt, die die Band nie bewusst gesucht haben. Dieser Mechanismus hat den Wiedereinstieg älterer Kataloge gegenüber der CD-Ära erheblich verbilligt.
Warum klingen Remaster oft lauter als das Original?
Weil beim Remastering fast immer die Dynamik verringert wird, damit die Aufnahme auf kleinen Lautsprechern und im Streaming durchsetzungsfähiger wirkt. Der Eindruck von mehr Kraft entsteht durch den höheren Durchschnittspegel, nicht durch mehr Information – feine Übergänge gehen dabei verloren.